Ein Museumsjubiliäum

 

Am 26. April 1903 wurde das „Vaterländische Museum der Stadt Hannover“ in der Cumberland-Galerie in der Prinzenstraße eröffnet. Vorangegangen waren Initiativen, die verstreut in verschiedenen Einrichtungen wie dem Kestner-Museum vorhandenen Objekte zur Stadtgeschichte in einem eigenen Haus unterzubringen. 1901 erfolgte ein Aufruf des Magistrats zur Gründung des Museums mit dem Ziel, Objekte zur Stadtgeschichte Hannovers, zur Landesgeschichte des Kurfürstentums und Königreichs Hannover sowie zur Volkskunde von Niedersachsen zu sammeln und zu präsentieren. Das Foto zeigt den Raum mit den „Handwerksaltertümern“, also Gegenständen des städtischen Zunftwesens, um 1910.

(Dr. Andreas Fahl)

 

Hinter der Gründung des „Vaterländischen Museums“ standen unterschiedliche Interessengruppen. Zu den treibenden Kräften gehörte der „Heimatbund Niedersachsen“, der sich überwiegend aus Anhängern der 1866 von den Preußen vertriebenen Welfen rekrutierte. In ihrem Fokus stand weniger die Stadtgeschichte als die Betonung von Heimat und Vaterland. Entsprechend nahm die „Ehrenhalle der hannoverschen Armee“ einen breiten Raum im Museum ein. Außerdem baute der erste „Museumsleiter“ des Vaterländischen Museums, der Hilfsbibliothekar und Heimatforscher Friedrich Tewes (1859-1931), in seiner Amtszeit bis 1909 die Sammlung zur niedersächsischen Volkskunde massiv aus. Dabei ignorierte er die Forderung des Direktors des Kestner-Museums, dem das neue Museum angegliedert war, die Stadtgeschichte in das Zentrum der Museumsarbeit zu stellen.

(Dr. Andreas Fahl)

 

1909 übernahm Wilhelm Peßler (1880-1962) die wissenschaftliche Leitung des Vaterländischen Museums. Der promovierte Geograph und Volkskundler hatte zuvor seine museologische Ausbildung am Museum für Hamburgische Geschichte erhalten.  Als das Vaterländische Museum 1923 vom Kestner-Museum getrennt wurde, stieg er auf zum Museumsdirektor. Unter seiner Leitung wurde die Sammlungstätigkeit systematisiert und das Haus zu einer wissenschaftlichen Einrichtung, wobei Peßler sich immer auch dem Gedanken der Volksbildung verpflichtet fühlte. Peßler baute insbesondere die volkskundlichen Sammlungen weiter aus und wurde durch zahlreiche Publikationen sein Engagement für das Forschungsprojekt des „Atlas der deutschen Volkskunde“ zu einem führenden Vertreter dieser jungen Wissenschaft. Wie bei den meisten Volkskundlern seiner Zeit waren seine wissenschaftlichen Auffassungen leicht mit dem Nationalsozialismus zu vereinbaren. Als NSDAP-Mitglied übernahm er u.a. Aufgaben als „Referent für Brauchtum und Sitte“ bei der Landesbauernschaft Hannover.

(Dr. Andreas Fahl)

 

Die Räumlichkeiten des Vaterländischen Museums in der Prinzenstraße waren bereits in den 1920er Jahren durch die wachsenden Sammlungen hoffnungslos überfüllt. Verschiedene Pläne zur Neuordnung der hannoverschen Museen und die Suche nach neuen Standorten während der Weimarer Republik blieben aber ohne Ergebnis. Nach 1933 geriet das Vaterländische Museum in den Fokus der NSDAP und wurde in einer Pressekampagne (die wohl auch auf Oberbürgermeister Menge und Museumsdirektor Peßler zielte) als „museale Schreckenskammer“ angeprangert. Daraufhin entfaltete die Stadtverwaltung verschiedene Aktivitäten, um die Sammlungen des Vaterländischen Museums zu entzerren und neu zu präsentieren. Erster Schritt war 1935 die Einrichtung der „Heeresgedenkstätte im Leineschloß“. Dort wurden nun die Objekte der hannoverschen Armee, der preußischen Garnison sowie die im 1. Weltkrieg angelegte „Weltkriegssammlung“ gezeigt. Die Eröffnung der Heeresgedenkstätte fiel in das gleiche Jahr wie die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Dieses Museum diente eindeutig der ideologischen Vorbereitung des nächsten Krieges. Beim ersten großen Angriff der Alliierten auf Hannover am 26.07.1943 wurde mit dem Leineschloss auch ein Großteil der dort untergebrachten Militaria zerstört.

(Dr. Andreas Fahl)

 

Im Zuge der Neuorganisation des Vaterländischen Museums wurden die stadtgeschichtlichen Sammlungen von 1935-1939 in Sonderausstellungen in dem Haus Calenberger Str. 37 präsentiert. Ab 1941 stand dann das „Alte Palais“ in der Leinstraße, direkt gegenüber dem Leineschloss, für die Stadtgeschichte zur Verfügung. Die Bestände wurden dorthin umgelagert, aber nicht gezeigt, da seit Kriegsbeginn die Museen geschlossen waren. Ebenso wie das Leineschloss wurde auch das Alte Palais durch den Luftangriff vom 26.07.1943 zerstört und dabei der größte Teil der stadtgeschichtlichen Sammlung vernichtet.

(Dr. Andreas Fahl)

 

 

Durch die Verteilung von Museumsbeständen auf andere Standorte konnte im alten Haupthaus in der Prinzenstraße Platz gewonnen werden für eine Neuaufstellung der volkskundlichen Bestände nach dem Konzept von Wilhelm Peßler. 1937 fand die Teileröffnung des nun „Niedersächsisches Volkstumsmuseum“ genannten Hauses statt. Beim Betreten des Foyers wurden dem Besucher ganz im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie mittels Fotos die landschaftlichen und die „rassischen“ Grundlagen des niedersächsischen Volkstums präsentiert. Zentrales Element dieser Präsentation war ein Porträt Adolf Hitlers. Weiterhin wurden in dem Museum neben dem schon im Vaterländischen Museum gezeugten Flett aus Isernhagen mehrere Bauernstuben, Hausmodelle sowie Bereiche zu Handwerk, Tracht und Trachtenschmuck, Textilherstellung, Brauchtum etc. gezeigt.

(Dr. Andreas Fahl)

 

Während das Volkstumsmuseum bis 1938 vollständig fertiggestellt wurde, liefen bereits die Vorarbeiten um auch die landesgeschichtliche Abteilung neu zu präsentieren. Sie fand unter dem Namen „Museum im Georgengarten – Landesgeschichtliche Sammlungen“ im ehemaligen Wallmodenschlößchen, dem heutigen Wilhelm-Busch-Museum, ihren neuen Platz. 1939 wurde das Museum eröffnet. Es war für das Publikum aber nur eine kurze Zeit zugänglich, denn bei Kriegsbeginn wurden die hannoverschen Museen geschlossen.

(Dr. Andreas Fahl)

 

 

 

Erst nach der Zerstörung von Leineschloss und Altem Palais gab es die Erlaubnis, die volkskundlichen und landesgeschichtlichen Sammlungen auszulagern, gerade noch rechtzeitig vor dem verheerenden Angriff auf Hannover am 8./9.10.1943. Dabei wurde auch das Stammhaus in der Prinzenstraße großenteils zerstört. Erst ab 1947 konnten die Objekte langsam wieder zurückgeholt werden, nachdem das Museumsgebäude notdürftig repariert worden war und verschiedene Museumsmitarbeiter aus Krieg und Gefangenschaft zurückgekehrt waren. Die Museumsleitung hatte bis zu seiner Pensionierung noch bei Peßler gelegen. Sein Nachfolger wurde 1946 Dr. Helmuth Plath (1911-1990), der bereits vor Kriegsausbruch am Museum gearbeitet hatte. Die Bedingungen in dem unzureichend renovierten Haus waren für das Personal wie für die Objekte strapaziös. Die Fotos zeigen, wie die Sammlung im zweiten Obergeschoss zusammengedrängt magaziniert war.

(Dr. Andreas Fahl)

 

 

Auf Initiative von Plath wurde das Museum umbenannt, da eine Fortführung des ideologisch belasteten Namens „Volkstumsmuseum“ ebenso undenkbar war wie die Rückkehr zum „Vaterländischen Museum“. Plath wählte als neue Bezeichnung „Niedersächsisches Heimatmuseum“, was allerdings angesichts des Umfangs und der Bedeutung der Sammlung auch keine glückliche Wahl war. Die Rückholung der Sammlungen, eine Inventur des Bestandes und weitere nötige Instandsetzungsarbeiten am Haus sorgten dafür, dass erst 1952 die erste Nachkriegsausstellung „Hannover – wie es wurde und lebte“, gezeigt werden konnte. Gleichzeitig liefen bereits erste Diskussionen und Planungen für den Neubau eines Museumsgebäudes, der allerdings noch einige Jahre auf sich warten ließ.

(Dr. Andreas Fahl)

 

 

Zu den besonderen Leistungen Helmut Plaths gehört es, dass er nach den Kriegszerstörungen die einmalige Gelegenheit nutzte, ab 1947 auf zahlreichen Grundstücken der Altstadt archäologische Untersuchungen anzustellen. Durch die Altstadtgrabungen ergab sich ein neuer Blick auf das mittelalterliche Hannover und das Museum gewann zahlreiche neue Ausstellungsstücke. Durch immer neue Zeitungsmeldungen, Führungen und Vorträge zu den Grabungsergebnissen blieb das Niedersächsische Heimatmuseum, dessen Aktivitäten sonst sehr beschränkt waren, in der Öffentlichkeit sehr präsent. Dies wirkte sich positiv auf die Diskussionen um einen Museumsneubau aus.

(Dr. Andreas Fahl)

 

 

Bereits bei der Aufstellung eines „Generalbebauungsplanes“ für Hannover im Jahre 1949 war der Neubau des Museums mitgedacht worden. Plath legte dazu ein Grundkonzept vor, das Aussagen zum Raumbedarf und der organisatorischen Gliederung enthielt. Stadtbaurat Hillebrecht hielt für das Museum ein Grundstück in der Altstadt frei, direkt gegenüber der aus hierhin versetzten Fachwerkhäusern bestehenden „Traditionsinsel“.  Aufbauend auf diesen Vorarbeiten fand schließlich 1960 ein Architektenwettbewerb statt. Als Vorgaben wurde den Teilnehmern u.a. aufgegeben, den Beginenturm und die Ruine des Zeughauses möglichst weitgehend zu erhalten und in das Museum einzubeziehen. Den Zuschlag erhielt schließlich Architekt Dieter Oesterlen, der schon den Wiederaufbau der Marktkirche und den Neubau des Landtags durchgeführt hatte. Ab 1963 erfolgten die Bauarbeiten und schon 1965 konnte mit den Umzügen der Sammlung und der Mitarbeiter in das neue Gebäude begonnen werden.

(Dr. Andreas Fahl)

 

 

Am 21.10.1966 konnte das neuerbaute und jetzt in „Historisches Museum an Hohen Ufer“ umbenannte Haus eröffnet werden. Auf 4.500 m2 Ausstellungsfläche wurden die drei Abteilungen Landesgeschichte ((Erdgeschoss), Stadtgeschichte (1. Obergeschoss) und Volkskunde (1. Und 2. Obergeschoss) präsentiert. In der 1. Etage ermöglichten raumhohe Fenster den Blick aus dem Museum auf die Fachwerkhäuser an der Burgstraße und über den Holzmarkt hin zum Landtag. Beeindruckend für die Besucher war sicherlich auch, dass das Museum als Tageslichtmuseum konzipiert war, ohne Aufteilung in einzelne Säle, und somit einen weiten, lichten Eindruck vermittelte. Für die ausgestellten Objekte erwies sich dies im Laufe der Jahre allerdings als höchst problematisch. Das Historische Museum war ein Gesamtkunstwerk geworden, denn Architekt Oesterlen hatte nicht nur das Gebäude entworfen, sondern auch die Dauerausstellung bis ins kleinste Detail geplant. Inhaltlich orientierte sich die Ausstellung, besonders im Bereich Volkskunde, in großen Teilen an Konzepten der Vorkriegszeit.

(Dr. Andreas Fahl)

 

 

Bereits wenige Jahre nach der Eröffnung geriet das Historische Museum in die Kritik. Die Konzeption erschien im Vergleich mit anderen Museen (insbesondere dem Historischen Museum Frankfurt/M.) als antiquiert. Die Ästhetik dominierte über die Vermittlung von Inhalten. Die Objekte waren lediglich mit Einzelbeschriftungen versehen. Wer etwas über Zusammenhänge erfahren wollte, musste die Abteilungskataloge erwerben.

Deshalb erhielt Dr. Waldemar R. Röhrbein (-2014), der nach seinem Volontariat das Städtische Museum Göttingen geleitet hatte, als er nun als Direktor an das HMH zurückkehrte, auch den Auftrag, die Dauerausstellung zu überarbeiten. Allerdings sollte es noch 15 Jahre dauern, bis es wirklich zur Neugestaltung kam. Mit einer Serie von zeitgeschichtlichen Sonderausstellungen zur NS-Zeit und zum 2. Weltkrieg beschritt Röhrbein deutschlandweit beachtet neue Wege. Das Publikum reagierte mit überwältigender Zustimmung darauf, dass nun lange „unter den Tisch gekehrte“ Themen angepackt wurden. 174.000 Besucher allein 1977 unterstrichen, wie positiv die neue Richtung angenommen wurde. Mit den zeitgeschichtlichen Ausstellungen legte Röhrbein zugleich die Grundlage dafür, die zukünftige Dauerausstellung dichter an die Gegenwart heranzuführen. Zu den fortdauernden Erfolgen seines Direktorats zählen auch die Gründung des Fördervereins „Freunde des Historischen Museums e.V. sowie die dauerhafte Etablierung der Museumspädagogik am HMH.

(Dr. Andreas Fahl)

 

 

 

Zur 750-Jahr-Feier der Stadt Hannover sollte dem Publikum 1991 auch das neugestaltete HMH präsentiert werden. Wesentliche Ziele der Umgestaltung waren die Vergrößerung der Abteilung Stadtgeschichte auf die gesamte 1. Etage. Die Zeitschiene für diesen Bereich erstreckte sich nunmehr bis in die 1950er Jahre. Die Abteilung Volkskunde wurde in reduzierter und überarbeiteter Form im 2. Obergeschoss neu aufgestellt. Hier war das Ziel, neben klassischen Themenbereichen die Verbindungen zur Stadtgeschichte herauszuarbeiten und, soweit möglich, Gegenwartsbezüge herzustellen. Weiterhin wurde dieser Ausstellungsbereich schließlich in „Leben auf dem Lande“ umbenannt. Beide Abteilungen erhielten eine neue grafische Gestaltung, zu der eine Verbesserung der Information zu den Objekten gehörte. Dazu wurden Erläuterungstafeln für die einzelnen Themenbereiche entwickelt. Leider wurde kein Geld zur Verfügung gestellt, um die Abteilung Landesgeschichte im Erdgeschoss zu überarbeiten. Sie blieb daher äußerlich in ihrem ursprünglichen Zustand und es konnten inhaltlich nicht die Bezüge zu den anderen Ausstellungsbereichen aufgezeigt werden, was durchaus notwendig gewesen wäre.

(Dr. Andreas Fahl)

 

 

 

 

Größere Umgestaltungen und Modernisierungen der Dauerausstellung wurden zum Expo-Jahr 2000 unternommen. Seit 1998 bis 2023 hat Dr. Thomas Schwark das Museum geleitet, das im Jahr 2013 Zuwachs erhielt: im von der Volkswagenstiftung als Tagungszentrum neu aufgebautem Schloss Herrenhausen zog in drei Räume das „Museum im Schloss Herrenhausen“ ein, das vom Historischen Museum Hannover betrieben wird. Gleich im Jahr darauf wurde der Beginenturm, nach mehrjährigen Sanierungsarbeiten, als begehbares Baudenkmal zum Bestandteil des Museums. Damit erfüllte sich, was in den ursprünglichen Planungen für das Gebäude schon vorgesehen war. Inhaltlich veränderte sich das Museum stärker zu einem modernen Stadtmuseum, in dem eine Beteiligung der Bevölkerung an der Erarbeitung von Ausstellungen und Veranstaltungen fokussiert wird und aktuelle Themen stärker in den Vordergrund treten. Seit 2017 steht fest, dass umfangreiche Sanierungsmaßnahmen am Gebäude anstehen. Das Museum wird daher ab Ende 2023 schließen müssen. Die Planungen für eine inhaltliche und gestalterische Neukonzeption des Museums sowie für ein Programm „Geschichte unterwegs“ während der Schließzeit laufen. Ab dem 1.6.2023 wird dies unter der Leitung von Anne Gemeinhardt geschehen.

(Dr. Jan Willem Huntebrinker)